Neulich um 4 am Bahnhof

Hundemüde komme ich schließlich um 4 Uhr früh am Bahnhof an. Bis auf einen älteren, gut gekleideten, Mann am Fahrkartenautomaten ist die Bahnhofshalle menschenleer. Und nach dem fröhlichen Vogelgezwitscher des anbrechenden Morgens ist es hier drin, bedrückend still. Ein Blick auf den Fahrplan zeigt mir, dass in 10 Minuten der Zug kommt. Das war knapp. Erleichtert gehe ich zum Fahrkartenautomaten und schmettere dem älteren Herrn ein fröhliches guten Morgen an den Hinterkopf. Der dreht sich um und wird kreidebleich. Mit weit aufgerissenen Augen wirft er sich in die Ecke neben dem Automaten. Erschrocken mache ich einen Schritt zurück und hebe die Hände, um ihm zu signalisieren, dass ich ihm nichts tun will. „Sie müssen keine Angst haben. Ich tue Ihnen nichts.“ Ich trete einen Schritt vor und strecke die Hand aus, um ihm auf zu helfen. Daraufhin fängt er an, hektisch in seiner Manteltasche zu wühlen und streckt mir dann seine Brieftasche entgegen. „Nein, ich will Sie nicht ausrauben,“ rufe ich aus und hebe wieder meine Hände hoch. Nacheinander bietet er mir seine goldene Uhr, seine Manschettenknöpfe und dann auch noch seine Aktentasche an. Da die Zeit läuft ignoriere seine Angebote, bücke mich zu ihm hinunter, umschlinge ihn mit meinen Armen und ziehe ihn hoch, bis er vor den Automaten steht. Dort bleibt er mit hängenden Armen stocksteif stehen. „Sie wollten doch eine Fahrkarte kaufen,“, rufe ich. „Jetzt machen sie schon. Der Zug kommt gleich.“ Um das Ganze etwas zu beschleunigen, nehme seine Hand und führe sie zum Monitor. „Wo wollen Sie hin,“ frage ich und tippe mit seinem Zeigefinger nacheinander auf die Felder für ‚Start und Ziel‘, ‚Reiseweg wählen‘ und ‚Zielbahnhof wählen‘. Jetzt schwebt der Finger über den Buchstabenfeldern. Ganz vorsichtig löst er seine Hand aus meiner und mit zittrigen Fingern gibt er die Stadt ein. Ich bekomme langsam Schweißausbrüche. Also schnappe ich mir wieder seine Hand. „Einfache Fahrt?“ Ein kaum merkliches Nicken. Ein Erwachsener. Das ist eindeutig. „Bahn- oder Bonuscard?“ Er schüttelt mit dem Kopf. Ich mustere ihn von oben bis unten und entscheide mich für die 1. Klasse. Mit ‚alle Zugtypen‘ kann ich wohl auch nichts verkehrt machen. „Sie wollen gleich den ersten Zug nehmen?“ Ich warte die Antwort gar nicht erst ab und wähle mit seinem Zeigefinger die sofortige Abfahrt. Ein paar Sekunden später werden alle Verbindungen angezeigt. Ich ignoriere die Befreiungsversuche seiner Hand und tippe auf die oberste Verbindung und den Normalpreis. Da er schon älter ist und mir etwas zittrig vorkommt, wähle ich für ihn auch noch die Sitzplatzreservierung. Als ich mit seiner Hand auf Bezahlen tippen will, fängt er an, sich richtig zu wehren. Ich habe zu tun, um ihn wieder zurück zum Automaten zu zerren und seine Hand auf das Display zu legen. Geschafft! „Sie müssen bezahlen.“ Als er sich nicht regt und ich schon den Zug höre, hole ich meine Geldbörse mit der Kreditkarte raus, bezahle das Ticket und drücke es dem Mann in die Hand. Oben auf dem Gleis fährt der Zug ein. Einen Schritt nach dem anderen geht der Mann rückwärts zur Rolltreppe und starrt abwechselnd auf das Ticket und auf mich. Dann dreht er sich um und hastet die Rolltreppe hinauf. „Meine Damen und Herren an Gleis 1. Ihr Zug fährt in Kürze ab. Bitte steigen Sie ein. Vorsicht bei den Türen. Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise.“ Fassungslos starre ich auf das Display des Fahrkartenautomaten. Schwarze Schrift auf rotem Grund springt mir schon fast entgegen. DIESER AUTOMAT IST ZUR ZEIT NICHT IN BETRIEB.

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