Wie ich zum schreiben kam oder einbrechen leicht gemacht

Coburg, 30. November 2020. Die Hauptverhandlung gegen die 51-jährige Doris Müller hat heute begonnen. Sie wird beschuldigt, für eine Einbruchserie in Coburg verantwortlich zu sein und mit der Veröffentlichung ihres Bestsellers „Einbrechen leicht gemacht“ in ganz Deutschland eine Lawine an Einbrüchen verursacht zu haben. 

Mucksmäuschenstill ist es in dem kleinen Gerichtssaal. Meine eiskalten Hände sind merkwürdigerweise schweißnass. Die Schuldzuweisungen in den Augen der Anwesenden lasten tonnenschwer auf meinen Schultern. „Frau M., Sie wollen doch nicht allen Ernstes behaupten, dass die ganzen Tipps und Tricks, die Sie in Ihrem Buch so anschaulich beschreiben, aus dem Internet sind“? Eiskalte graue Augen unter bis zum Haaransatz hochgezogenen Brauen starren mich ungläubig an. „Und Sie sind sicher, dass Sie alle diese Sachen nicht aus eigener Erfahrung schreiben“? „Natürlich bin ich sicher“, erwidere ich triumphierend. „Wenn ich eine Einbrecherin wäre, würde ich doch nicht alles an die Konkurrenz verraten!“

 „Aus Ihrer Sicht mag das ja ein gutes Argument sein, Frau M.“ „Dann verraten Sie uns doch mal, wie es zu dem Buch kam.“ 

„Das war so,“ begann ich , „im Sommer musste meine Firma wegen Corona Insolvenz anmelden. Wir sind zwar von einer anderen Firma übernommen worden, aber mir ist klar, dass die Zukunft für die Branche, in der ich tätig bin, nicht so rosig ist. Also begann ich mir zu überlegen, was ich zusätzlich zu meinem Hauptberuf noch machen könnte.“ 

„Ja genau Frau M., dann haben Sie sich überlegt, ihr Portemonnaie mit ein paar Einbrüchen aufzufüllen und damit es sich mehr lohnt, haben Sie auch noch ein Buch darüber geschrieben.“ 

„Natürlich nicht“ erwidere ich entrüstet. So langsam geht mir der Typ echt auf die Nerven. „Ich wollte was fürs Internet machen, da ich ja beruflich auch damit zu tun habe. Aber mir fehlten die technischen Kenntnisse. Mein Lebensgefährte schlug mir vor, ein Buch zu schreiben zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt.“

„Ist Ihr Lebensgefährte wohl auch in einer Verbrecherkartei zu finden?“ 

Diesmal verdrehe ich nur die Augen und spreche einfach weiter. „Der Gedanke gefiel mir. Aber auch hier fehlten mir die entsprechenden Kenntnisse, wie man ein gutes Buch schreibt. Also begann ich ein Fernstudium zur Sachbuchautorin. Zusätzlich zu den Aufgaben der Schule wollte ich mein erstes Buch beginnen. Mein Lieblingsthema erschien mir noch zu schwer für den Anfang, also suchte ich nach etwas, dass es noch nicht gab. Ein Film gab mir den Anstoß zu dem Thema Einbruch. Kennen Sie den Film ‚Bang, Boom, Bang‘?“ Im Hintergrund wird leise gekichert. Auch ich kann mir ein Kichern nicht verkneifen. 

„Sie finden das lustig Frau M.?“ 

„Den Film? Ja, der ist sehr lustig. Deshalb habe ich einen lustigen Ratgeber zum Thema Einbruch geschrieben.“ 

„Die Geschädigten finden das sicher nicht zum Lachen. Und für mich hört sich das alles weit hergeholt an. War Ihnen denn nicht klar, dass die Leser Ihres Buchs dieses als Gebrauchsanweisung sehen könnten, um einen Einbruch zu verüben?“

„Nein, ich gehe nicht grundsätzlich davon aus, dass die Menschen über so viel kriminelle Energie verfügen,“ antworte ich und hebe resigniert die Schultern. 

„Nun gut, das Gericht zieht sich jetzt zur Beratung zurück.“

Coburg, 30. November 2021. Gestern Nacht fand in der JVA Kronach ein Massenausbruch statt. Verantwortlich wird dafür die ebenfalls flüchtige, 52-jährige Doris Müller gemacht, in deren Zelle man ein Manuskript für ihr neues Buch fand, mit dem Titel „Ausbrechen leicht gemacht“.  

admin Verfasst von: