Ein entscheidender tag am fels

Ehrfurchtsvoll blicke ich die eintausendvierhundert Meter hohe Felswand des Monte Casale hinauf. An dieser Wand befindet sich die „Via ferrata Che Guevara“ und auf dem Gipfel das Ziel des heutigen Tages.

„Traust du dir das wirklich zu Simone?“, frage ich meine beste Freundin.

„Ja klar“, erwidert sie „Wir haben den ganzen Sommer bei uns im Klettergarten geübt. Willst du jetzt etwa kneifen? Du hast es versprochen!“ 

„Nein, nein“, sage ich, „Du kannst nur nicht euren kleinen Klettersteig, der gerade mal dreißig Meter hoch ist, hiermit vergleichen.“

„Du bist doch hier die tolle Kletterin Martina, hast du jetzt etwas Schiss?“, fragt Simone und schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.  Als ich nicht antworte verdreht Simone genervt die Augen. 

„Entschuldige war nicht so gemeint.“ 

Ein Arm legt sich um meine Schulter und mir wird bewusst, dass wir Zuhörer haben. Hastig wische ich die Träne fort.

„Alles ok hier?“, fragt mich Peter und ich nicke.

„Natürlich“ antwortet ihm Simone, „Martina hat nur Bedenken wegen der Höhe. Aber das schafft sie schon.“ Gönnerhaft tätschelt sie meine Schulter.

Ich schaue sie ungläubig an. Jetzt hat sie es wieder geschafft, die Tatsachen so zu verdrehen, dass sie gut dasteht. Ich ringe mir ein Lächeln für Peter ab und wende ich mich schnell meinem Rucksack zu. Fünfzehn Minuten später laufen wir los. Innerhalb kürzester Zeit hat Simones Kopf das satte Rot einer überreifen Tomate angenommen. Am Einstieg legen Peter und ich bereits unsere Ausrüstung an, als die beiden zu uns aufschließen.  Als ich die Klettersteigsets der beiden sehe, schnappe ich nach Luft. 

„Damit könnt ihr nicht klettern!“, rufe ich und nehme Karl seins aus der Hand. „Die dürfen nicht mehr verwendet werden. Schaut, das Seil hier in der Platte ist schon ganz steif. Bei einem Sturz rutscht das nicht mehr durch und reißt im schlimmsten Fall. Das ist zu gefährlich.“

„Ach ja Frau Oberlehrerin, und was ist deiner Meinung nach ein zulässiges Klettersteigset?“, meldet sich Simone zu Wort. 

Ich halte mein Klettersteigset hoch. „Der wichtigste Unterschied,“ erkläre ich, „ist der Bandfalldämpfer, und zeige auf die kleine Tasche daran. Darin ist ein in Schlaufen gelegtes, vernähtes Band. Bei einem Sturz reißen die Nähte nacheinander und das Band etwa bis zur Mitte auf. Dadurch wird der Fall abgebremst. Außerdem ist es noch möglich, durch den Rest des Bandes den Klettersteig nach oben zu beenden oder wieder abzusteigen. Ein weiterer Sturz ist dadurch noch abgesichert“. „Wie wäre es“, frage ich, „wenn wir heute in Riva zwei neue Klettersteigsets für euch kaufen und morgen wieder her kommen?“

„Ich glaube, du hast einfach keine Lust mit mir zu klettern“, erwidert Simone und zieht ein bockiges Gesicht. „Du bist mir echt eine schöne Freundin.“

Im Hintergrund räuspert sich Karl.

„Peter, könntest du nicht deine Ausrüstung Simone geben? Dann können die beiden Mädels den Steig machen“, fragt er.

Simone und Peter, meine Vergangenheit und meine Zukunft schauen mich beide fragend an.  Drohende Blicke von Simone ringen mit den bittenden Blicken von Peter.  Als ich minutenlang nicht antworte, löst Peter sein Klettersteigset vom Gurt und drückt es Simone in die Hand.

„Das muss ich jetzt nicht verstehen, Martina“ stößt er sauer hervor. Ohne ein weiteres Wort schultert er seinen Rucksack und macht sich auf den Rückweg. Simone befestigt jauchzend vor Freude das Klettersteigset drückt Karl einen Kuss auf die Wange und klinkt sich in das Drahtseil des Klettersteigs ein. Karl schaut mich entschuldigend an. 

„Es tut mir leid Martina“, sagt er leise, „sie hätte uns den ganzen Urlaub versaut, wenn sie ihren Willen nicht bekommt.“ 

„Ich weiß“, erwidere ich, „bitte wartet in Pietramurata. Ich klettere mit ihr bis zum Notausstieg, dann kommen wir auch runter.“

„Dann wünsch dir viel Glück, Martina. Ich rede mit Peter.“, sagt er zweifelnd und macht sich auf den Weg.

Ich erreiche Simone am ersten Aufschwung. Sie hängt bereits mit zitterndem Arm am Drahtseil und versucht mit der rechten Hand beide Karabiner gleichzeitig auszuhängen. 

„Simone stopp“, rufe ich „fass mit der linken Hand das Drahtseil weiter oben. So das dein Arm ausgestreckt ist. Ja, genau so. Und jetzt setz die Karabiner um. Einen nach dem anderen. Ja, gut. Niemals beide gleichzeitig. Sonst bist du nicht gesichert.“ Mit ruhiger Stimme, die meinem Inneren so gar nicht entspricht, helfe ich Simone durch die schwierige Passage. Immer wieder muss ich sie darin erinnern, am langen Arm zu hängen, die Füße unter den Schwerpunkt zu setzen und um Gottes willen, die Karabiner nicht gleichzeitig zu lösen. Statt eines Danks ernte ich nur böse Blicke.  Auch am nächsten Aufschwung hat Simone sichtlich Schwierigkeiten. Ich halte mich dieses Mal mit Ratschlägen zurück und hoffe, dass Simone einsieht, dass sie es so nicht bis nach ganz oben schafft. Leider umsonst. Ohne zurückzuschauen, stapft sie auf den Einstieg zum nächsten Teilstück zu.

„Warte Simone“, rufe ich ihr hinterher.

„Was ist denn schon wieder Martina? Hast du noch ein paar Ratschläge für mich?“, ruft sie läuft weiter. 

„Verdammt Simone, jetzt warte doch mal!“ Simone bleibt stehen.

„Simone, hier ist ein Notausstieg. Bitte lass uns hier runter gehen. Später gibt es keine Gelegenheit mehr dazu.“

„Weißt du was Martina?“, schreit sie und dreht sich mit bösem Gesicht zu mir um. „Du kannst mich mal.“ Nach einer eindeutigen Handbewegung klinkt sie sich in das nächste Drahtseil ein.

Ich krame mein Handy aus der Tasche. „Peter Simone will nicht umkehren. Was soll ich tun? Ich kann sie doch nicht alleine weiter gehen lassen!“ Hilflosigkeit und Enttäuschung brennen wie Säure in meinem Magen. Nach einer Schimpftirade, bei der auch ich nicht besonders gut wegkomme, ist es kurz still am Telefon. 

„Wir holen unsere Kletterausrüstung aus dem Auto und kommen über den Notausstieg hoch. So sollten wir euch einholen können.“

„Peter, das ist zu gefährlich mit der alten Ausrüstung …“ , widerspreche ich, aber er hat schon aufgelegt.

Möglichst schnell steige ich meiner Freundin hinterher. Es dauert nicht lang, bis ich sie einhole. Beschwörend spreche ich weiter auf die sichtlich erschöpfte Simone ein.  Ein Stück weiter oben fällt sie dann mit einem lauten Schrei in ihr Klettersteigset. Nach einem Moment der Starre steige ich vorsichtig zu ihr auf und rufe immer wieder ihren Namen. Die Seilbremse hat ausgelöst und den Sturz gebremst, aber Simone blutet aus mehreren Wunden. Ihre Augen sind geschlossen. Nachdem ich mich selbst gesichert habe, untersuche ich vorsichtig ihre Wunden. Als ich ihren Blick auf mir spüre, halte ich inne.

„Es tut mir leid“, flüstert Simone, „bitte verzeih mir“.

Ich schaue Simone einen langen Moment nachdenklich an. Unsere Freundschaft fliegt in Zeitraffer an mir vorbei. „Diesmal nicht Simone“, antworte ich, „Dieses Mal nicht.“

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