Unerwartete Wendungen

„Stefan auf der Einladung steht „mit Begleitung“. Du bist hier und ich möchte das du mitkommst“, Beschwörend sehe ich meinen Lebensgefährten an.
„Die gehen von einer Frau aus. Wenn ich jetzt mit dir da auftauche, ist das dem Herrn Lambrecht bestimmt nicht recht“, entgegnet Stefan, „außerdem habe ich keinen Anzug.“ 
„Schau“, sage ich, „Otto ist mein Klient und es gehört mit zur Vereinbarung, dass er mich seinen Geschäftspartnern vorstellt. Von Anzügen und dergleichen steht nichts darin. Jetzt stell dich nicht so an und lass uns gehen. „Schweigend laufen wir zum Anwesen der Lambrechts. Als das Haus vor uns auftaucht, entfährt Stefan ein ungläubiger Laut.
„Alter, ist das ein protziger Kasten“, ruft er aus. 
„Ja, je mehr Geld, desto mehr brauchen sie mich, um ihre Außenwirkung in der Geschäftswelt zu unterstreichen“, entgegne ich.

Kurz nachdem ich die Klingel gedrückt habe, öffnet eine imposante Erscheinung mit breitem Lächeln die Tür. 
„Martin“, dröhnt er, „komm herein, mein Junge. Äh, und wer ist das?“ Fragend schaut er mich an. Das Lächeln hat sich aus seinen Augen zurückgezogen. 
„Otto, das ist mein Freund Stefan. Er besucht mich gerade hier und ich möchte ihn nicht den ganzen Abend allein lassen. Ich gehe davon aus, dass es ok ist, wenn er mich begleitet.“ 
„Wenn es sein muss“, seufzt Lambrecht und gibt die Tür frei.
Er wirft uns noch einen finsteren Blick zu, dreht sich um und verschwindet in seinem Büro. Uns lässt er stehen.
„Ich hab dir doch gleich gesagt, dass es eine blöde Idee ist“, merkt Stefan an. 
„Otto wird sich schon wieder beruhigen. Lass uns was essen.“

In der Küche, wo wir in unseren legeren Klamotten neugierig beäugt werden, bedienen wir uns an dem üppigen Buffet. Mir ist ein bisschen der Appetit vergangen. Mit so einem Verhalten von Lambrecht hatte ich nicht gerechnet. Ich bin darauf angewiesen, dass meine Klienten mich weiterempfehlen. So funktioniert mein Geschäft. Wenn er jetzt sauer ist und mir die Empfehlungen verweigert, könnte ich dadurch zukünftige Kunden und im schlimmsten Fall das Leben, das ich mir in den letzten Jahren aufgebaut habe, verlieren. Ich merke, wie mich ein mulmiges Gefühl überkommt. Tief versunken in meinen Gedanken merke ich erst gar nicht, wie Stefan mir beruhigend die Hand auf den Arm legt und mich anlächelt.

Ich schaue ihn nachdenklich an. Stefan und ich kennen uns schon ewig. Wir waren immer beste Freunde, hatten gleichzeitig den ersten Kater, unsere erste Freundin, und haben irgendwann festgestellt, dass wir einander eigentlich genügen. Keiner von uns hatte es jemals explizit ausgesprochen. Zu unserer Freundschaft hat immer eine gewisse Nähe gehört, deren Körperlichkeit sich natürlich dann auch vertiefte. Aber das ist es nicht, was unsere Beziehung ausmacht. Während Stefan in unserer Wohnung in Berlin wohnt und arbeitet, bin ich beruflich viel unterwegs und reise mit dem Wohnmobil in ganz Deutschland von einem Coaching zum anderen. In Berlin sind wir ein ganz normales schwules Paar. Wenn ich unterwegs bin, verschweige ich sehr zu Stefans Kummer, das Leben mit ihm. Bis heute. Ich hatte mich in den letzten Wochen sehr einsam gefühlt und ihn gebeten, früher zu kommen. Nur fühlte es sich gerade leider wie ein Fehler an.

Ich fasse einen Entschluss. 
„Komm“, sage ich zu Stefan, „wir stellen uns selber vor.“
„Bist du sicher?“, fragt Stefan und weist mit seinem Kinn zu Lambrecht, der sich wieder zu seinen Gästen gesellt hat und uns böse Blicke zuwirft. 
„Ja, ich bin mir sicher“, entgegne ich. Wenige Augenblicke später stehen wir vor der ersten kleinen Gruppe.
„Wer von Ihnen ist der geniale Coach, von dem mir Otto so vorgeschwärmt hat?“ fragt einer der Herren mit einem freundlichen Lächeln. „Sie haben ja Wunder bewirkt bei Otto.“
„Ich bin Martin, und das ist mein Lebensgefährte Stefan“, erwidere ich.
„Machen Sie das Gleiche wie ihr Partner?“, wendet sich seine Frau an Stefan. 
„Nein“, sagt dieser und lacht, „ich bin Grafiker mit einer kleinen Agentur in Berlin.“
Es entspinnt sich eine lebhafte Unterhaltung. Im Laufe des Abends machen wir uns mit allen Gästen bekannt und werden überall herzlich begrüßt. Während Lambrecht uns aus dem Weg geht, spüren wir von allen anderen nur Akzeptanz und wirkliches Interesse.

Gegen 23 Uhr verabschieden wir uns von den noch verbliebenen Gästen, während Lambrecht verschwunden zu sein scheint. Da dies heute mein letzter Tag war und ich den Scheck bereits in der Tasche habe, beschließen wir, einfach zu gehen. Auf dem Weg zum Wohnmobil nehme ich Stefans Hand. 
War der Abend ok für dich?“, frage ich ihn. Er führt meine Hand zu seinen Lippen. Das ist mir Antwort genug.

admin Verfasst von:

Die Kommentare sind geschlossen