Als mit dem Tod meiner Mutter die Liebe wieder einkehrte

Es war an einem Morgen im Sommer, als meine Mutter verkündete, sie hätte sich entschlossen zu sterben. Wir verharrten gerade in einer Art Hitzestarre gleich wechselwarmen Tieren, wenn die Temperatur das tolerierte Maximum überschreitet.

Meine Mutter, meine Tochter und ich lebten seit einem Monat in einer erstarrten Dreiecksbeziehung. Ich hatte meine lebenslustige Mutter, nachdem sie immer gebrechlicher wurde und in ihrer Wohnung mehrfach gestürzt war, zu mir geholt. Eine Alternative ließ ich ihr nicht. Mit ihr kam eine Handvoll Verehrer, die nicht nur unser Wohnzimmer blockierten, sondern auch meine zerbrechliche Beziehung zu meiner pubertierenden Tochter Michelle auf eine harte Probe stellten.

Entgegen meinem, sonst sehr aufbrausendem Naturell schafften es diesmal nur meine Augenbrauen sich Richtung Decke zu bewegen. „Du willst dich umbringen“, stellte ich fest. 

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie, „ich möchte nur selbst entscheiden, wie und wann ich gehe.“

„Und wie soll das funktionieren? Du machst dir einen Termin im Kalender? Und wenn der da ist, fällst du tot um?“, fragte ich ungläubig. 

„Mach dich nicht lächerlich?“, erwiderte sie gekränkt, „ich habe mich ausführlich über den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit oder besser Sterbefasten informiert. Die medizinische Seite habe ich schon mit meinem Hausarzt geklärt. Und das Rechtliche ist auch geregelt. Ich wünsche mir nur noch, dass du und Michelle mich auf diesem letzten Weg begleiten.“ 

„Was?“, schrie ich, „du spinnst wohl. Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Laut vor mich hin schimpfend stapfte ich ins Haus und ließ meine Mutter alleine im Garten zurück. Die nächsten Tage war sie sehr still. Auch die fleißigen Verehrer ließen auf sich warten. Mir war nicht ganz wohl damit, aber ich war froh, dass das Thema erst mal vom Tisch war.

Zwei Tage später kam es dann doch wieder auf mich zu. Diesmal in Personalunion mit meiner Tochter. „Mama, ich muss mit dir reden“, erklärte sie und baute ihre immer wieder beeindruckende, düstere Erscheinung vor mir auf, „Warum hast du mir nicht gesagt, dass Oma sich umbringen will?“ 

„Sie will sich nicht umbringen, sondern einfach sterben“, erwiderte ich scharf, „jetzt nerv du mich nicht auch noch damit.“

„Mama“, ruft sie entsetzt, „du musst Oma ernst nehmen. Es ist doch ihr Recht, selbst über sich zu bestimmen. Und sie braucht unsere Hilfe. Ich werde auf jeden Fall für sie da sein.“ 

„Macht doch was ihr wollt“, grummelte ich vor mich hin, „ich werde das nicht unterstützen“.

Mit der Hilfe ihrer Enkelin setzte meine Mutter ihren Plan in die Tat um, indem sie jegliche Nahrungsaufnahme und das Trinken einstellte. Ansonsten verbreitete sie wieder heitere Gelassenheit. Michelle kümmerte sich liebevoll um ihre Oma. Ich konnte nicht umhin, meine sonst immerzu schlecht gelaunte Tochter insgeheim dafür zu bewundern. 

Täglich kam nun unser Hausarzt vorbei. Nachdem ich ihm zwei Tage aus dem Weg gegangen war, bat ich ihn um ein kurzes Gespräch. Ich fragte ihn, ob er meiner Mutter ihren Plan nicht ausreden könne. 

„Nein“, erwidertet er, „wenn sich Ihre Mutter entschlossen hat, nicht mehr zu essen und zu trinken, muss ich das als ihr Arzt respektieren. Wir haben lange darüber gesprochen und ich hatte den Eindruck, dass ihr Wunsch gut überlegt ist und sie ihn aus ihrem freien Willen heraus getroffen hat. Bis zu einen bestimmten Zeitpunkt ist der Entschluss umkehrbar, falls sie ihre Meinung ändert. Die Entscheidung liegt bei Ihrer Mutter.“

Damit hatte ich gehört, was ich hören wollte. Da meine Mutter sowieso nicht auf mich gehört hätte, versuchte ich es über meine Tochter. Doch auch da biss ich auf Granit. Auch sie hatte ausführlich mit unserem Hausarzt gesprochen und war im Gegensatz zu mir bereit, den Wunsch ihrer Oma zu respektieren. Damit hatte ich nicht nur verloren, sondern fühlte mich eigenartigerweise auch ausgeschlossen. 

Weitere Tage verstrichen und ich beobachtete, wie meine Mutter immer schwächer wurde. Auch Michelle hatte bestimmt einige Nächte nicht mehr durchgeschlafen und in mir regte sich zunehmend ein schlechtes Gewissen, weil ich sie mit dieser Situation alleine ließ. 

Die folgende Nacht war endlos. Mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf. Ich war schon immer das Kind meines Vaters gewesen. Damals, als er noch lebte, war meine Mutter eher eine Randerscheinung, die zwar immer da war, aber nie viel zu sagen hatte. Erst als er starb, kam sie aus seinem Schatten heraus und begann ein eigenes selbstbestimmtes Leben zu führen. So sehr wie ich meinen Vater geliebt hatte, habe ich ihre Veränderung gehasst. Jedes Wort, jede Geste war fortan durchtränkt mit meinen negativen Gefühlen. In ihrer Gebrechlichkeit sah ich eine Gelegenheit, sie wieder zu der Frau zu machen, die sie früher gewesen war.

Nachts gegen zwei Uhr war an Schlaf gar nicht mehr zu denken. Leise stand ich auf und fiel auf dem Flur fast über meine Tochter. Ich setzte mich zu ihr auf den Fußboden und sie nahm mich in den Arm. Leise schluchzte ich und konnte nun endlich meinen Tränen freien Lauf lassen. So viel Zank, so viel Streit, so viele vergeudete Jahre. Jetzt blieb mir nur noch wenig Zeit, um alles wieder gut zu machen. So saßen wir den Rest der Nacht vor dem Zimmer meiner Mutter. Sie fand uns am nächsten Morgen eng umschlungen und wir wurden durch ihr Lachen geweckt. Wir redeten den ganzen Tag. Wir weinten. Wir lachten. Es war so, als würden alle ungesagten Worte unserer Leben endlich herauskommen. Was für eine Befreiung. Ich fühlte ein nie gefühltes Band der Zusammengehörigkeit. Ich fühlte endlich Liebe.

Es waren friedliche Tage, in denen meine Tochter und ich uns gemeinsam um meine Mutter kümmerten. Es waren Tage des Lachens und des Nachdenkens. Ich spürte, dass es in ihr arbeitete. 

An einem lauen Sommerabend verkündete sie ihre Entscheidung. Wir hielten uns an den Händen und spürten, dass selbst der Tod uns nicht mehr trennen würde. Sie ging eine Woche später so wie sie es sich gewünscht hatte – in unseren Armen.

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