Mord im Flaschenhaus

So eine verdammte Scheiße. Meine, noch vor Stunden perfekt gestylte, Frisur ist wild zerrauft und ich stapfe fluchend den Feldweg entlang. Ich habe mich schon wieder überreden lassen. Ein weiterer Mord im Nirgendwo. Dass ich Privatdetektiv bin und hier aufgewachsen, war sein Argument. Und dass ich bei seinem letzten Fall schon die entscheidenden Hinweise geliefert habe. Ja, natürlich. Aber mir mitzuteilen, wer das Opfer war, hat er vergessen. Vor mir liegt eine Kette von Pfützen, wie aufgefädelt auf den grasigen Mittelstreifen. Es ist Juni und ein warmer Sommerregen hat die beiden Fahrspuren fast unpassierbar gemacht. Die Luft ist zum Schneiden dick. Rechts und links drängen sich üppig bewachsene Felder und Wiesen bis an den Wegesrand. Die Natur hat ihre ganzen Geschütze aufgefahren, wie um zu verhindern, dass ich den Ort meines Erwachsenwerdens aufsuche. Der Wald empfängt mich wenige Minuten später mit seinem unverwechselbaren Geruch und einem Mückenschwarm. Auch hier bin ich nicht willkommen. Auf dem restlichen Weg zu meinem Ziel dringe ich immer tiefer in den Wald ein.

Dann liegt es vor mir – das Flaschenhaus. Fetzen meiner Vergangenheit stürzen auf mich ein. Ich lasse die Erinnerungen, die ich so viele Jahre verdrängt habe, auf mich einwirken. Ich höre die laute Musik und das laute Lachen und Grölen. Fast schmecke ich wieder mein erstes Bier, den ersten Kuss. Wenn ich die Augen schließe, kann ich sie alle sehen. Die Freunde meiner Kindheit und meiner Jugend. Und auch meine erste Freundin Petra. Als sie noch lebendig und ihr Körper unversehrt war. Da ich die schmerzvollen Gedanken nicht mehr aushalte, öffne ich die Augen und sehe mich um. Mit der gleichen Energie, mit der der einstige Erbauer die Baumaterialien hergeschafft und das Haus gebaut hat, wurde das Gebäude als auch der Körper von Petra von Menschen zerstört.

Ich schiebe mich durch die Öffnung im Tor. Der Stacheldraht ist ein jämmerlicher Versuch, die Menschen draußen und die Vergangenheit darin zu halten. Vor dem Eingangsbereich sehe ich die Badewanne, in der Wanderer Petra gefunden haben. Das ist mittlerweile zwei Monate her und die hiesige Polizei ist mit den Ermittlungen noch keinen Schritt weitergekommen. Ich weiß nicht, was ich hier noch finden soll. Die KTU hat das ganze Grundstück und das Haus bereits untersucht. Langsam beginne ich, das Haus zu umrunden. Damals noch weitestgehend intakt, ist das Flaschenhaus nun mehr eine Ruine. Die Außenwände aus Flaschen gleichen immer noch einem überdimensionalen Weinregal. Umgeben von Zerstörung und Müll. Auf dem Flachdach stehen zwei Gartenstühle und wirken irgendwie besitzergreifend. Hier wird immer noch gefeiert, wie ich sehe. Nur scheint unser unschuldiges Treiben von damals sich verändert zu haben. Ich beende meinen Rundgang und betrete das Flaschenhaus. Noch mehr Erinnerungen steigen wie die Luftblasen in einem Aquarium an die Oberfläche meines Bewusstseins. Aufmerksam wandere ich durch die unteren Räume. Hier gibt es außer meinen Erinnerungen an laute Musik und tanzende Leiber nicht viel zu sehen. Ich schaue mir die Räume trotzdem sehr gründlich an, um nichts zu übersehen, das auf die Täter hinweisen könnte.  

Durch das Treppenhaus gelange ich ins Obergeschoss. Die Flaschenhälse der Wände ragen wie das Kleid eines Igels ins Innere. In dem großen Raum hat einst ein Sofa gestanden. Jeder von uns hatte damals mehrfach darauf seinen Rausch ausgeschlafen und dass ein oder andere Mädchen darauf seine Jungfräulichkeit verloren. In den Überresten des Bades hat sich Klaus nach einer Flasche Tequila die Seele aus dem Leib gekotzt. Ich packe das nicht. Schaudernd verlasse ich das Haus, das Grundstück und einen Teil meiner Vergangenheit. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, mache ich mich auf den Rückweg in die Realität. 

Zufrieden klappe ich mein Laptop zu. Ich wurde mal gefragt, was denn ein besonderer Ort für mich ist. Nach kurzem Nachdenken erwiderte ich, dass es mein Kopf sei. Hier kann ich überall sein. Jeden Ort zu einem besonderen Ort machen. 

Hier kann ich jeder sein.

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